Lyrik, die gefällt

Psalm

Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm,
niemand bespricht unseren Staub.
Niemand.

Gelobt seist du, Niemand.
Dir zulieb wollen
wir blühn.
Dir
entgegen.

Ein Nichts
waren wir, sind wir, werden
wir bleiben, blühend:
die Nichts-, die
Niemandsrose.

Mit
dem Griffel seelenhell,
dem Staubfaden himmelswüst,
der Krone rot
vom Purpurwort, das wir sangen
über, o über
dem Dorn.

Paul Celan (1920 – 1970)

L’étranger

Qui aimes-tu le mieux, homme enigmatique, dis? ton père, ta mère, ta soeur ou ton frère?
Je n’ai ni père, ni mère, ni soeur, ni frère.
Tes amis?
Vous vous servez là d’une parole dont le sens m’est resté jusqu’à ce jour inconnu.
Ta patrie?
J’ignore sous quelle latitude elle est située.
La beauté?
Je l’aimerais volontiers, déesse et immortelle.
L’or?
Je le hais comme vous haïssez Dieu.
Eh! qu’aimes-tu donc, extraordinaire étranger?
J’aime les nuages… les nuages qui passent… là-bas… là-bas… les merveilleux nuages!

Charles Baudelaire (1821 – 1867)

Der Fremde

Wer, rätselhafter Mensch, ist deinem Herzen am liebsten? Sprich!
Dein Vater, deine Mutter, deine Schwester oder dein Bruder?
Ich habe weder Vater, noch Mutter, noch Bruder, noch Schwester. –
Deine Freunde? –
Du brauchst ein Wort, dessen Sinn ich bis heute nie verstand. –
Deine Heimat? –
Ich weiß nicht, auf welchem Breitengrad sie liegt. –
Die Schönheit? –
Ich möchte sie lieben, die göttlich unsterbliche. –
Das Gold? –
Hasse ich, wie du Gott hassest. –
Was also liebst du, staunenswerter Fremder? –
Ich liebe die Wolken … die ziehenden Wolken … dort … die wundervollen Wolken.

 

 

An die Nachgeborenen

1

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind?

Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich satt zu essen.
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt
Bin ich verloren.)

Man sagt mir: iß und trink du! Sei froh, daß du hast!
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
Ich es dem Hungernden entreiße, was ich esse, und
Mein Glas einem Verdurstenden fehlt?
Und doch esse und trinke ich.

Ich wäre gerne auch weise
In den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen
Auch ohne Gewalt auskommen
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen
Gilt für weise.
Alles das kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

2

In die Städte kam ich zu der Zeit der Unordnung
Als da Hunger herrschte.
Unter die Menschen kam ich zu der Zeit des Aufruhrs
Und ich empörte mich mit ihnen.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten
Schlafen legt ich mich unter die Mörder
Die Liebe pflegte ich achtlos
Und die Natur sah ich ohne Geduld.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Straßen führten in den Sumpf meiner Zeit
Die Sprache verriet mich dem Schlächter
Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden
Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Kräfte waren gering. Das Ziel
Lag in großer Ferne
Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich
Kaum zu erreichen.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

3

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.

Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.

Dabei wissen wir ja:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es soweit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.

Berthold Brecht (1898 – 1956)

 

 

Verbannt

Großtropfiger Regen, der auf die Erde schlägt,
Unter dir stehen im Donner die Bäume rauschend bewegt.
Blitz und Donner und Regen, wie lebt ihr glücklich und frei!
Erhört und erfüllt doch eines Gefangenen Sehnsuchtsschrei!

Max Dauthendey (1867 – 1918)

 

 

aufbruch

lass dich nicht fesseln
von deinen wurzeln
sie reichen zurück
in die zeit
die dich nicht mehr
nähren kann

nimm wenig mit
außer dir –
gedanken zu tragen
die du nicht brauchst
wiegt zu schwer

lerne für dich
eine neue sprache:
wo freiheit ist
schmeckt das brot süß

Marlies Blauth (geb. 1957)

via http://kunst-marlies-blauth.blogspot.de und hier mit Bild zu finden

 

 

Der Rose süßer Duft genügt,

Man braucht sie nicht zu brechen.
Und wer sich mit dem Duft begnügt
Den wird ihr Dorn nicht stechen.

 

Friedrich Martin von Bodenstedt (1819-1892)

 

 

Auf leisen Sohlen

Eine Blume, die sich erschließt,
macht keinen Lärm. Auf leisen
Sohlen wandeln die Schönheit,
das wahre Glück und das echte Heldentum.
Unbemerkt kommt alles, was
Dauer haben wird in dieser
Wechselnden, lärmvollen Welt
voll falschen Heldentums
falschen Glücks und unechter Schönheit.

Wilhelm Raabe (1831 – 1910)

 

 

 

„Geh nicht,
wohin der Weg dich führen mag,
sondern dorthin,
wo kein Weg ist,
und hinterlasse eine Spur.“

Ralph Waldo Emerson (1803-1882)

 

 

 

 

 

Was an dir Berg war

Haben sie geschleift

Und dein Tal

Schüttete man zu

Über dich führt

Ein bequemer Weg

 

Berthold Brecht (1898 – 1956)

 

 

Es kann die Ehre dieser Welt
Dir keine Ehre geben,
Was dich in Wahrheit hebt und hält,
Muss in dir selber leben.

Wenn’s deinem Innersten gebricht
An echten Stolzes Stütze,
Ob dann die Welt dir Beifall spricht,
Ist all dir wenig nütze.

Das flücht’ge Lob, des Tages Ruhm
Magst du dem Eitlen gönnen;
Das aber sei dein Heiligtum:
Vor dir bestehen können.

Theodor Fontane (1819-1898)
 

 

Nature’s first green is gold,
Her hardest hue to hold,
Her early leaf’s a flower;
But only so an hour.
Then leaf subsides to leaf.
So Eden sank to grief,
So dawn goes down to day.
Nothing gold can stay.

Robert Frost (1874-1963)

 

 

Wie wenig nütze ich bin,
ich hebe den Finger und hinterlasse
nicht den kleinsten Strich
in der Luft.

Die Zeit verwischt mein Gesicht,
sie hat schon begonnen.
Hinter meinen Schritten im Staub
wäscht Regen die Straße blank-
wie eine Hausfrau.

Ich war hier.
Ich gehe vorüber
ohne Spur.
Die Ulmen am Weg
winken mir zu wie ich komme,
grün blau goldener Gruß,
und vergessen mich,
eh ich vorbei bin.

Ich gehe vorüber –
aber ich lasse vielleicht
den kleinen Ton meiner Stimme,
mein Lachen und meine Tränen
und auch den Gruß der Bäume im Abend
auf einem Stückchen Papier.

Und im Vorbeigehn
ganz absichtslos,
zünde ich die ein oder andere
Laterne an
in den Herzen am Wegrand.

Hilde Domin (1909-2006)

 

dazu passt das bild „elfenkind im blauen garten“ von mili weber (1891 – 1978), finde ich.

 

 

Menschenbeifall

Ist nicht heilig mein Herz, schöneren Lebens voll
Seit ich liebe? Warum achtetet ihr mich mehr,
Da ich stolzer und wilder,
Wortereicher und leerer war?

Ach! Der Menge gefällt, was auf den Marktplatz taugt,
Und es ehret der Knecht nur den Gewaltsamen;
An das Göttliche glauben
Die allein, die es selber sind.

Friedrich Hölderlin (1770 – 1843)

 

 

Sehnsucht gab mir ihr weites Kleid

Sehnsucht gab mir ihr weites Kleid,
Seine Naht ist lang wie die Ewigkeit.

Streicht die Sehnsucht um das Haus,
Trocknen die plaudernden Brunnen aus;

Die Tage kommen wie Tiere daher,
Du rufst ihre Namen, sie atmen nur schwer;
Du suchst dich im Spiegel, der Spiegel ist leer,

Hörst nur der Sehnsucht Schritt,
Du selbst bist nicht mehr.

Max Dauthendey (1867-1918)

 

Liebe Eltern,

Ich mache mir manchmal solche Sorgen,
dass aus euch nichts Gescheites werden könnte!
Wie schnell ist ein Erwachsenenleben
mit dem Ernst des Lebens verplempert,
mit Terminkalendern und Taschenrechner,
mit Abwasch und Aufräumen.
Viel zu oft wird doch von euch vernachlässigt,
was wirklich wichtig ist im Leben:
am Bach Kaulquappen fangen,
auf Bäume klettern,
zum Baggersee fahren …

Jochen Mariss (geb. 1955)  via jochenmariss.de

 

Ein Traum, ein Traum ist unser Leben

auf Erden hier.

Wie Schatten auf den Wogen schweben

und schwinden wir.

Und messen unsre trägen Tritte

nach Raum und Zeit;

und sind  – und wissen’s nicht – in Mitte

der Ewigkeit.

Johann Gottfried Herder (1744-1803)

 

Still und lieblich ist die Nacht

Still und lieblich ist die Nacht,
Droben strahlt die Flur der Sterne;
In der wunderbaren Pracht
Ist uns nah des Himmels Ferne.
Lasset uns nach oben schauen
Wo die Sterne leuchtend stehn,
Neue Kraft und Gottvertrauen
Wird das tiefe Herz umwehn!

Goldne Schriften reden dort
Von des Ew’gen Macht und Güte,
Wie des Herrn Prophetenwort,
Tröstungsreich uns in’s Gemüthe.
O, ich möcht anbetend knien
Unter diesem Tempelzelt:
Liebe schuf das Sternenglühen,
Liebe, die auch mich erhält!

August Auch (1817-1885)

 

Ein gleiches

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1828)

 

                  Die Liebe

Die Liebe hemmet nichts; sie kennt nicht Tür noch Riegel,

Und dringt durch alles sich;

Sie ist ohn Anbeginn,schlug ewig ihre Flügel,

Und schlägt sie ewiglich.

               Matthias Claudius (1740 – 1815)

 

Wanderers Nachtlied

Der du von dem Himmel bist,
Alles Leid und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest,
Ach, ich bin des Treibens müde!
Was soll all der Schmerz und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1828)

 

Die Welt

Was ist die Welt und ihr berühmtes Glänzen?
Was ist die Welt und ihre ganze Pracht?
Ein schnöder Schein in kurzgefaßten Grenzen,
Ein schneller Blitz bei schwarzgewölkter Nacht.

Ein buntes Feld, da Kummerdisteln grünen,
Ein schön Spital, so voller Krankheit steckt,
Ein Sklavenhaus, da alle Menschen dienen,
Ein faules Grab, so Alabaster deckt.

Das ist der Grund, darauf wir Menschen bauen,
Und was das Fleisch für einen Abgott hält.
Komm, Seele, komm und lerne weiter schauen,
Als sich erstreckt der Zirkel dieser Welt!

Streich ab von dir derselben kurzes Prangen,
Halt ihre Lust für eine schwere Last:
So wirst du leicht in diesen Port gelangen,
Da Ewigkeit und Schönheit dich umfaßt.

Christian Hofmann von Hofmannswaldau (1617-1679)

 

Dreifach ist der Schritt der Zeit,
Zögernd kommt die Zukunft hergezogen,
Pfeilschnell ist das Jetzt entflogen,
Ewig still steht die Vergangenheit.

Kein Ungeduld beflügelt
Ihren Schritt, wenn sie verweilt.
Kein Furcht, kein Zweifel zügelt
Ihren Lauf, wenn sie enteilt.
Kein Reu, kein Zaubersegen
Kann die stehende bewegen.

Möchtest du beglückt und weise
Endigen des Lebens Reise,
Nimm die Zögernde zum Rat,
Nicht zum Werkzeug deiner Tat.
Wähle nicht die Fliehende zum Freund,
Nicht die Bleibende zum Feind.

Friedrich Schiller, „Sprüche des Confucius“ (1759 – 1805)

 

 

Was ist die Welt?

Was ist die Welt? Ein ewiges Gedicht,
Daraus der Geist der Gottheit strahlt und glüht,
Daraus der Wein der Weisheit schäumt und sprüht,
Daraus der Laut der Liebe zu uns spricht

Und jedes Menschen wechselndes Gemüt,
Ein Strahl ist’s, der aus dieser Sonne bricht,
Ein Vers, der sich an tausend andre flicht,
Der unbemerkt verhallt, verlischt, verblüht.

Und doch auch eine Welt für sich allein,
Voll süß-geheimer, nievernommner Töne,
Begabt mit eigner, unentweihter Schöne,

Und keines Andern Nachhall, Widerschein.
Und wenn du gar zu lesen drin verstündest,
Ein Buch, das du im Leben nicht ergründest.

Hugo von Hofmannsthal (1874-1929)

 

Einmal

da hörte ich ihn,
da wusch er die Welt,
ungesehn, nachtlang,
wirklich.

Eins und Unendlich,
vernichtet,
ichten.
Licht war, Rettung.

Paul Celan (1920-1970)

 

Nie kampflos

Nie kampflos wird dir ganz
Das Schöne im Leben geglückt sein;
Selbst Diamantenglanz
Will aus der Hülle entrückt sein;
Und windest du einen Kranz
Will jede Blume dazu gepflückt sein.

Friedrich Martin von Bodenstedt (1819-1892)

 

Wunder

Nicht müde werden,
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

Hilde Domin, (1909-2006)

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