Der Wahrnehmungskäfig

„Ich war zunehmend verwirrt: Nicht nur dass sich dieselben Fakten der verschiedenen Konflikte in dieser Weltgegend aus arabischer Perspektive zu komplett anderen Bildern zusammensetzten – offensichtlich war das, was uns im nachchristlichen Abendland als Meinungsvielfalt erschien, nur ein sehr begrenzter Ausschnitt aus einem viel größeren Spektrum der Weltanschauungsmöglichkeiten. Es gab fundamental andere Positionsbestimmungen des Menschen in Raum und Zeit, die trotzdem in sich schlüssig waren. Zugleich merkte ich, wie sehr all diese Sichtweisen, einschließlich meiner eigenen, durch Medien und Meinungsmacher des jeweiligen Kulturraums geformt waren. Der Blick auf politische Ereignisse, religiöse und soziale Strukturen bewegte sich hier wie dort im Rahmen der Beschreibungsmuster und Deutungskonzepte, mittels derer sich unsere jeweiligen Gesellschaften tagaus, tagein ihrer Leitlinien vergewisserten. Diese Leitlinien bildeten das Gestänge des Wahrnehmungskäfigs, in dem jeder eingeschlossen war. Selbst wenn ich sah, dass es um mich herum andere Käfige gab, konnte ich aus meinem doch nicht heraus. Immer seltener war ich imstande, zu glauben, dass ich einfach mal recht hatte, dass es recht und unrecht überhaupt gab – von „der Wahrheit“ ganz zu schweigen.“

[Christoph Peters im Artikel Kairoer Aufklärung der Zeit-Sonderbeilage „Zeit-Reisen“ Nr. 10 vom März 2010. Peters beschreibt die bleibenden Eindrücke einer Reise zum Verwandtenbesuch in Ägypten im Jahr 1993.]

3 Gedanken zu „Der Wahrnehmungskäfig

  1. Daniel Weber

    Diese in sich schlüssigen Wahrnehmungskäfige begegnen einem ja auch sonst, nicht nur bezogen auf Kulturräume. Und das bittere daran finde ich, dass ein Handel, welches in (m)einem Käfig richtig und angebracht ist, aus Sicht des anderen ein Unding ist. Das lässt einen dann doch die eigenen Deutungskonzepte hinterfragen, und der Begriff der "Wahrheit" wird wirklich schwierig. Wenn man aber zum Handeln gezwungen ist muss man seine eigene Wahrheit finden, zu seinem Käfig stehen. Orientierung kann man da fast nur im Dialog mit anderen finden. Sicherheit nicht.

  2. kauda

    Dialog – das ist ein gutes Stichwort. Change auf Perspektivwechsel, andere Sichtweise, Orientierung vielleicht; häufig sehr bereichernd, auch wenn es den eigenen Wahrnehmungskäfig nicht sprengt, so zumindest erweitert. (Wird leider dann schwierig, wenn der andere in seinem Käfig das "reden bringt nix"-Credo eingebaut hat. Das macht mich immer irgendwie wütend.) Sicherheit entspringt den mehrheitlich um uns vorhandenen Leitlinien und Deutungsmustern und führt letztlich dazu, dass man an seinem Käfig festhält – hat aber leider gar nichts mit Wahrheit zu tun.

  3. kauda

    stolpere gerade über Wahrheitstheorien und muss mich korrigieren: nach den Kohärenztheorien (oder auch Konsenstheorien) -> http://www.gavagai.de/themen/HHP68.htm kann man durchaus von – gewissermaßen etablierter – "Wahrheit" im Wahrnehmungskäfig sprechen. Im Sinne der Korrespondenztheorien gilt das aber nicht. Die PIlatusfrage: "Quid est veritas?" bleibt aktuell…

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