Kategorie-Archiv: 20. Jahrhundert

„ich bin, der ich war“

„Wer aber altert, dessen Kredit erschöpft sich. Dessen Horizont rückt ihm an den Leib, dessen Morgen und Übermorgen hat keine Kraft und keine Gewißheit. Er ist nur, der er ist. Das Kommende ist nicht mehr um ihn und darum auch nicht in ihm. Auf ein Werden kann er sich nicht berufen. Er zeigt der Welt ein nacktes Sein. Doch kann er gleichwohl bestehen, wenn in diesem Sein ausgewogen ein Gewesen ruht.
Ach wissen Sie, sagt der Alternde, dessen zukunftsloses Sein ein sozial nicht dementiertes Gewesensein enthält – ach wissen Sie, da sehen Sie vielleicht nur den kleinen Buchhalter, den mittelmäßigen Maler, den mühselig die Stiegen hinaufkeuchenden Asthmatiker. Sie sehen den, der ich bin, nicht den, der ich war. Aber auch der ich war, macht mein Ich noch aus, und da kann ich Ihnen auf Ehre versichern, daß mein Mathematiklehrer große Hoffnungen in mich setzte, daß meine erste Ausstellung brillante Kritiken fand, daß ich ein guter Skifahrer war. Nehmen Sie dies doch bitte hinein in das Bild, das Sie sich von mir machen. Billigen Sie mir die Dimension meiner Vergangenheit zu, ich wäre sonst ganz unvollständig.“

[Jean Améry, Wieviel Heimat braucht der Mensch in ders. „Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten“, Stuttgart, 1977, 7. Auflage, 2012, S. 108/109]

r.echt

„In einer weit widernatürlicheren Verbindung als in der Todesstrafe, in einer gleichsam gespenstischen Vermischung, sind diese beiden Arten der Gewalt in einer andern Institution des modernen Staates, der Polizei, gegenwärtig. Diese ist zwar eine Gewalt zu Rechtszwecken (mit Verfügungsrecht), aber mit der gleichzeitigen Befugnis, diese in weiten Grenzen selbst zu setzen (mit Verordnungsrecht). Das Schmachvolle einer solchen Behörde, das nur deshalb von wenigen gefühlt wird, weil ihre Befugnisse zu den gröblichsten Eingriffen nur selten ausreichen, desto blinder
freilich in den verletzbarsten Bezirken und gegen Besonnene, vor denen den Staat nicht die Gesetze schützen, schalten dürfen, liegt darin, daß in ihr die Trennung von rechtsetzender und rechtserhaltender Gewalt aufgehoben ist. Wird von der ersten verlangt, daß sie im Siege sich ausweise, so unterliegt die zweite der Einschränkung, daß sie nicht neue Zwecke sich setze. Von beiden Bedingungen ist die Polizeigewalt emanzipiert. Sie ist rechtsetzende – denn deren charakteristische Funktion ist ja nicht die Promulgation von Gesetzen, sondern jedweder Erlaß, den sie mit Rechtsanspruch ergehen läßt – und sie ist rechtserhaltende, weil sie sich jenen Zwecken zur Verfügung stellt.

Die Behauptung, daß die Zwecke der Polizeigewalt mit denen des übrigen Rechts stets identisch oder auch nur verbunden wären, ist durchaus unwahr. Vielmehr bezeichnet das »Recht« der Polizei im Grunde den Punkt, an welchem der Staat, sei es aus Ohnmacht, sei es wegen der immanenten Zusammenhänge jeder Rechtsordnung, seine empirischen Zwecke, die er um jeden Preis zu erreichen wünscht, nicht mehr durch die Rechtsordnung sich garantieren kann. Daher greift »der Sicherheit wegen« die Polizei in zahllosen Fällen ein, wo keine klare Rechtslage vorliegt, wenn sie nicht ohne jegliche Beziehung auf Rechtszwecke den Bürger als eine brutale Belästigung durch das von Verordnungen geregelte Leben begleitet oder ihn schlechtweg überwacht. Im Gegensatz zum Recht, welches in der nach Ort und Zeit fixierten »Entscheidung« eine metaphysische Kategorie anerkennt, durch die es Anspruch auf Kritik erhebt, trifft die Betrachtung des Polizeiinstituts auf nichts Wesenhaftes. Seine Gewalt ist gestaltlos wie seine nirgends faßbare, allverbreitete gespenstische Erscheinung im Leben der zivilisierten Staaten. Und mag Polizei auch im einzelnen sich überall gleichsehen, so ist zuletzt doch nicht zu verkennen, daß ihr Geist weniger verheerend ist, wo sie in der absoluten Monarchie die Gewalt des Herrschers, in welcher sich legislative und exekutive Machtvollkommenheit vereinigt, repräsentiert, als in Demokratien, wo ihr Bestehen durch keine derartige Beziehung gehoben, die denkbar größte Entartung der Gewalt bezeugt.“

[Walter Benjamin, „Zur Kritik der Gewalt“ in: ders., Gesammelte Schriften, Vol. II.1, hg von R.Tiedemann/H.Schweppenhäuser, Frankfurt a.M., 1999, S. 179-204]

„Lesebemühungen“ und Liebe

„Ohne Zweifel ist ein täuschendes Bewußtsein auf seine Weise allmächtig, da niemand Einfluß auf die unerschöpfliche Tiefe der persönlichen Vergangenheit hat. In jeder Einsamkeit erkenne ich folglich eine unendliche und nahezu übernatürliche Kraft, eine Geheimhaltungskraft, stärker als der Tod […]

Alles läßt sich sagen, wenn nicht gar machen, denn wenn man, dem Determinismus zuwider, auch keinen Einfluß auf die physische Welt hat, so steht doch die Sprache selbst zu unserer selbstherrlichen Verfügung und ist uns auf Gnade und Ungnade vollkommen ausgeliefert… Wo wird der Lügner innehalten? Wer kann ihn daran hindern, sich seiner falschen Klaviatur zu bedienen und die Handhabung der Zeichen nach Gutdünken zu verdrehen? Dies ist ein Spiel, bei dem jeder von uns ein souveräner Gebieter ist. […]

Die Wörter sind von Natur aus disponibel, und man kann sie ungestraft mißbrauchen, ohne daß sie Schaden nehmen; wenn man am Telefon lügt, gibt es keinen Kurzschluß, und der Strom fließt für die Lügen ebenso wie für die Wahrheit. Diese Straffheit, diese Gleichgültigkeit der >immanenten Gerechtigkeit< welche die Pessismisten von jeher als Argument gegen die VORSEHUNG und die Theodizee benutzen, definieren sie nicht im Gegenteil unsere Verantwortlichkeit als Menschen? [...] Der Lügner kann sich noch so sehr verkleiden, er kann gar nicht anders, als durch seinen Verkleidungen selbst eine bestimmte Art der Wahrheit abzubilden: die Wahrheit der Lüge, die genauso unvermeidbar ist wie die Intelligibilität des Absurden oder die Ordnung der Unordnung, die zwangsläufige Wahrheit, die sich unter den listen, die sie entstellen, unablässig wiederherstellt. Letzten Endes ist der Lügner wohl, was er ist, obgleich er nicht das ist, was er vorgibt zu sein. [...] Welches Bewußtsein wird als erstes ermüden, das betrügerische, das seine Buchstabenrätsel immer weiter kompliziert, oder das detektivische, das sie eines nach dem anderen durchkreuzt? Man suche nicht länger: Es gibt nur die Liebe, der das letzte Wort gebührt; die Liebe allein ist fähig, die ganze indefinite Reihe der reflexiven Begrenzungen auf einmal zu umfassen und durch eine erschöpfende Intuition jene Kontinuität der Zeit zu erfassen, auf die die Person begrenzt ist. Dies ist das >non plus ultra< des hochverfeinerten Zurückgreifens, die wahre synthetische Gnosis, die sich gleichzeitig der Wahrheit, der Lüge und ihrer selbst bewußt ist. Sogar wenn er ausgenutzt wird, genarrt und verraten, ist der Wohltäter nie der Geprellte." [Vladimir Jankélévitch, Das Verzeihen. Essays zur Moral und Kulturphilosophie, Frankfurt, 2003, S. 103-108]

sich ins Bessere denken

„Sich ins Bessere denken, das geht zunächst nur innen vor sich. Es zeigt an, wieviel Jugend im Menschen lebt, wieviel in ihm steckt, das wartet. Dies Warten will nicht schlafen gehen, auch wenn es noch so oft begraben wurde, es starrt selbst beim Verzweifelten nicht ganz ins Nichts. Auch der Selbstmörder flüchtet noch in die Verneinung wie in einen Schoß; er erwartet Ruhe. Auch die enttäuschte Hoffnung irrt quälend umher, ein Gespenst, das den Rückweg zum Friedhof verloren hat, und hängt widerlegten Bildern nach. Sie vergeht nicht an sich selber, sondern nur an einer neuen Gestalt ihrer selbst. Daß man derart in Träume segeln kann, daß Tragträume, oft ganz unentdeckter Art möglich sind, dies macht den großen Platz des noch offenen, noch ungewissen Lebens im Menschen kenntlich.“

[Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Erster Band, Franfurt/Main, 1959/1973 S. 224/225]

Autrui

Der andere, insofern er anderer ist, ist nicht nur ein alter ego; er ist das, was ich gerade nicht bin. Er ist es nicht aufgrund seines Charakters oder seiner Physiognomie oder seiner Psychologie, sondern aufgrund seiner Andernheit selbst. Er ist zum Beispiel der Schwache, der Arme, >>die Witwe und die Waise<<, während ich der Reiche oder Mächtige bin. Man kann sagen, daß der intersubjektive Raum nicht symmetrisch ist. Das Außerhalb des andern verdankt sich nicht einfach dem Raum, der trennt, was dem Begriff nach identisch bleibt, oder irgendeiner begrifflichen Differenz, die sich durch das räumliche Außerhalbsein manifestieren würde. Das Verhältnis der Anderheit ist weder räumlich noch begrifflich. Durkheim hat das Spezifische des anderen verkannt, wenn er fragt, inwiefern der andere eher als ich selbst das Objekt einer tugendhaften Aktion ist. Rührt der wesentliche Unterschied zwischen der Liebe und der Gerechtigkeit nicht von der Bevorzugung des anderen durch die Liebe her, während doch vom Gesichtspunkt der Gerechtigkeit aus überhaupt keine Bevorzugung möglich ist? [Emmanuel Lévinas, Die Zeit und der Andere, Hamburg, 1989, S. 55]

face-à-face

„Das Verhältnis zur Zukunft, die Anwesenheit der Zukunft in der Gegenwart, scheint sich allerdings zu vollziehen in der Situation des /Von-Angesicht-zu-Angesicht mit dem anderen. Die Situation des Von-Angesicht-zu-Angesicht wäre der eigentliche Vollzug der Zeit; das Übergreifen der Gegenwart auf die Zukunft ist nicht die Tat eines einsamen Subjekts, sondern das intersubjektive Verhältnis. Die Bedingung der Zeitlichkeit liegt im Verhältnis zwischen menschlichen Wesen oder in der Geschichte.“

[Emmanuel Lévinas, Die Zeit und der Andere, Hamburg, 1989, S. 51]

„La relation avec l’avenir, la présence de l’avenir dans le present semble encore s’accomplir dans le face-à-face avec autrui. La situation de face-à-face serai l’accomplissement même du temps; l’emplétement du présent sur l’avenir n’est pas le fait d’un sujet seul, mais la relation intersubjective. La condition du temps est dans la rapport entre humains ou dans l’histoire.“

[Emmanuel Lévinas, le temps et l’Autre, 1979]

l’avenir

„Die Zukunft des Todes, seine Fremdheit, läßt dem Subjekt keinerlei Initiative. Es gibt einen Abgrund zwischen der Gegenwart und dem Tod, zwischen dem Ich und der Anderheit des Geheimnisses. Wir haben nicht darauf insistiert, daß der Tod die Existenz anhält, daß er Ende und Nichts ist, sondern darauf, daß das Ich angesichts des Todes absolut ohne Initiative ist. Den Tod besiegen ist kein Problem des ewigen Lebens. Den Tod besiegen heißt, mit der Andernheit des Ereignisses ein Verhältnis unterhalten, das doch noch persönlich sein soll.

Welches ist also dieses persönliche Verhältnis, das etwas anderes ist als das Vermögen des Subjekts über die Welt, und das dennoch die Persönlichkeit bewahrt? Wie kann man eine Definition des Subjekts geben, die in gewisser Weise auf seiner Passivität beruht. Gibt es im Menschen eine andere Herrschaft als diese Mannhaftigkeit, als dieses Können des Könnens, des Ergreifens des Möglichen? Wenn wir sie finden, dann wird in ihr, in diesem Verhältnis, die Zeit ihren eigentlichen Ort haben. Ich habe das letzte mal gesagt, daß dieses Verhältnis das Verhältnis zum anderen ist.“

[Emmanuel Lévinas, „Die Zeit und der Andere“, Hamburg, 1989 S. 51/52 – Orginal „Le Temps et l’Autre“, 1979]